• Kontakt
  • Impressum
  • Presse
  • Spielzeit 2018-2019
    • Musiktheater
    • Schauspiel
    • Tanztheater
    • Kinder- und Jugend
    • Konzerte
    • Extras
    • Theater unterwegs
    • Festivals
  • Archiv Übersicht
Musiktheater
Schauspiel
Tanztheater
Kinder- und Jugend
Konzerte
Extras
Theater unterwegs
Festivals
  • Spielzeit
  • MALA VITA | Giordano trifft auf Gesualdo
  • Pressedetail
In je­der Hin­sicht ein Ge­nuss - Gießener Anzeiger
17.09.2018

Nach 100 Jah­ren erst­mals wie­der in Deutsch­land zu er­le­ben: „Ma­la vi­ta“ er­öff­net Opern­sai­son am Stadt­thea­ter und wird mit Vo­kalk­om­po­si­tio­nen er­gänzt

Ein jun­ger Fär­ber, sicht­lich ge­zeich­net von schwe­rer Krank­heit, wohl Tu­ber­ku­lo­se, ei­ner ty­pi­schen Ar­me-Leu­te-Krank­heit. Und auch die bei der Ar­beit ver­wen­de­ten Che­mi­ka­lien in sei­ner Werks­tatt dürf­ten der Ge­sund­heit ab­träg­lich sein: Blut spuckt er ins Ta­schen­tuch, das Ge­sicht ist ein­ge­fal­len. Die Um­ste­hen­den kla­gen und be­ten, Vi­to – so heißt der Mann – muss wei­nen. Ver­is­ti­scher, „wah­rer“ kann ein Oper­nan­fang, den auch die Mu­sik in über­deut­li­cher Emo­tio­na­li­tät malt, nicht sein (sie­he Kas­ten). Plötz­lich aber tre­ten aus der Büh­nen­rück­wand sechs Ge­stal­ten in Re­nais­san­ce­kos­tü­men, die Hand­lung friert ein, und wie der Zeit ent­ho­ben und von nach­ge­ra­de ät­her­ischer Schön­heit ent­fal­ten sich im Raum die ös­ter­li­chen Klän­ge des Re­spon­so­ri­ums „Ca­li­ga­ver­unt ocu­li mei a fle­tu meo“ („Dun­kel sind mei­ne Au­gen vom Wei­nen“). Schär­fer könn­te die­ser Kon­trast kaum sein – aber pas­sen­der konn­ten die ge­gen­sätz­li­chen Mu­sik­wel­ten kaum aus­ge­sucht wer­den.

Zwei Be­son­der­hei­ten

Die er­ste Opern­pre­mie­re die­ser Spiel­zeit am Gie­ße­ner Stadt­thea­ter war­te­te am Sams­tag mit gro­ßem Er­folg gleich mit zwei Be­son­der­hei­ten auf. „Ma­la vi­ta“, die er­ste Voll­oper des ita­lie­ni­schen Kom­po­nis­ten Um­ber­to Gi­or­da­no (1867 – 1948), ist ei­ne ech­te Wie­der­ent­de­ckung: 1892 in Rom urauf­ge­führt und dann auch in Ber­lin und an­de­ren Städ­ten ge­spielt, ver­schwand das Stück nach kur­zer Zeit gänz­lich von den Spiel­plä­nen. In Deutsch­land ist es jetzt erst­mals seit über 100 Jah­ren wie­der zu hö­ren – und das lohnt sich! Das zwei­te ist die Kon­tra­stie­rung der äu­ßerst kon­zen­trier­ten, nur gut sieb­zig Mi­nu­ten dau­ern­den Oper mit sechss­tim­mi­gen Vo­kalk­om­po­si­tio­nen von Car­lo Ge­su­al­do (1566 –1613). So über­ra­schend die­se Kom­bi­na­ti­on zu­nächst scheint – und der Re­zen­sent war eher skep­tisch, wie er an die­ser Stel­le zu­ge­ben muss –, als so er­trag­reich stell­te sie sich her­aus. Wer die Idee da­zu hat­te, war nicht mehr ge­nau zu klä­ren, sie geht wohl auf den wei­ter er­krank­ten GMD Mi­cha­el Hofs­tet­ter zu­rück. In der schlüs­si­gen In­sze­nie­rung von Wolf­gang Hof­mann und un­ter der Lei­tung von Er­al­do Sal­mie­ri wur­de da­raus ein span­nen­der und in die­ser Form un­er­hör­ter Thea­ter­abend.

Die Hand­lung ist rasch er­zählt. Vi­to, der Fär­ber, ist an Tu­ber­ku­lo­se er­krankt. Ge­drängt durch die zu ab­er­gläu­bi­scher Volks­re­li­gio­si­tät nei­gen­den Men­schen in sei­ner Um­ge­bung, legt er das Ge­lüb­de ab, ei­ne Pro­sti­tui­er­te zu hei­ra­ten (und da­mit zu „ret­ten“), um im Ge­gen­zug durch Gott von sei­ner Krank­heit ge­heilt zu wer­den. Die­se Pro­sti­tui­er­te ist Cris­ti­na, die erst un­gläu­big, dann über­glü­cklich ist. So rich­tig von Dau­er ist das Gan­ze aber nicht; schon beim er­sten Tref­fen mit sei­ner ei­gent­li­chen Ge­lieb­ten (und Gat­tin sei­nes Kum­pels An­ne­tiel­lo), Ama­lia, kehrt er in de­ren Ar­me zu­rück. Es kommt zu ei­ner eher un­er­freu­li­chen Be­geg­nung der Ri­va­lin­nen. Der letz­te Akt ver­deut­licht, wo­rum es ei­gent­lich geht: Die Be­völ­ke­rung ver­bin­det beim „Pie­dig­rot­ta“-Fest (ein nea­po­li­ta­ni­scher Brauch) Volks­fröm­mig­keit und Suff. Vor dem Hin­ter­grund der fröh­li­chen Ge­sän­ge trennt sich Vi­to von Cris­ti­na – und gibt da­mit sei­ne flüch­ti­ge Buß­an­wand­lung end­gül­tig auf. Cris­ti­na kehrt ins Bor­dell zu­rück.

An Schar­nier­punk­ten der af­fek­ti­ven Be­find­lich­kei­ten kom­men nun die Ge­su­al­do-Sän­ger ins Spiel. Die Wir­kung ist frap­pie­rend: Völ­lig über­ra­schend folgt auf die über­bor­dend emo­tio­na­le, emp­ha­tisch aus­grei­fen­de Mu­sik im hoch­dra­ma­ti­schen Ge­sang so et­was wie ein Kom­men­tar durch die af­fekt­ge­la­de­ne, ex­trem chro­ma­ti­sche, aber zu­gleich gleich­sam „rei­ne“ Vo­ka­li­tät. Al­le Par­tien des Abends wa­ren da­bei sehr gut be­setzt, bis in die Ne­ben­rol­len hin­ein. In der Rol­le der Cris­ti­na de­bü­tier­te An­ge­la Da­vis in Gie­ßen, spie­le­risch be­wäl­tig­te sie die ho­he Dra­ma­tik ih­rer Par­tie, da­bei gänz­lich eben­bür­tig ih­rer An­ta­go­nis­tin Ama­lia, ge­sun­gen mit glän­zen­der, ex­pres­si­ver Klar­heit von Ve­ro Mil­ler. Der Te­nor De­nis Yil­maz als Vi­to, eben­falls erst­mals in Gie­ßen, konn­te durch­aus eben­falls über­zeu­gen; für das re­la­tiv klei­ne Haus hät­te er viel­leicht mit et­was we­ni­ger Druck auf der Stim­me aus­kom­men kön­nen.

Her­aus­ra­gend in je­der Hin­sicht war aber das Ge­su­al­do-Sex­tett un­ter Lei­tung von Jan Hoff­mann – ei­ne Meis­ter­leis­tung an In­ten­si­tät und Schön­heit. Au­ßer­dem grei­fen die Fi­gu­ren zu­neh­mend ins Ge­sche­hen ein, kom­men­tie­ren nicht nur, son­dern len­ken die Fi­gu­ren, le­gen ih­nen die Wor­te in den Mund. Da­bei ste­hen die bei­den Mu­sik­ar­ten ein­an­der ago­nal ge­gen­über, wie in ei­nem Wett­streit da­rü­ber, wel­che Mu­sik die hö­he­re Aus­drucks-Wahr­haf­tig­keit er­rei­chen kann. Die so­zu­sa­gen äu­ßer­li­che Thea­tra­li­tät der ver­is­ti­schen Mu­sik kon­kur­riert mit der sub­li­miert in­ner­li­chen Ge­su­al­dos. Viel­leicht geht es so­gar um ech­te und ober­fläch­lich-ab­er­gläu­bi­sche Re­li­gio­si­tät.

Aber Vor­sicht: Ge­su­al­do, der mehr­fa­che Mör­der, ist nicht un­be­dingt ein ge­eig­ne­ter Ge­währs­mann für Pie­tät. Und Re­gis­seur Hof­mann lässt nicht ein­fach Af­fek­te ver­dop­peln (zum Lie­bes­du­ett Vi­to/Cris­ti­na et­wa Ge­su­al­dos „T’amo mia vi­ta“ / „Ich lie­be dich mein Le­ben“) – hin­ter­grün­dig, oder ge­ra­de­zu bös­ar­tig wird es, wenn „Tris­tis est an­ima mea“ („Mei­ne See­le ist be­trübt“) buch­stä­blich als Deck­man­tel zur Ko­pu­la­ti­on von Vi­to und Ama­lia dient.

Ver­bin­dung zwei­er Wel­ten

Das Büh­nen­bild (Lars Pe­ter) spiegelt sehr ge­nau die zwei Wel­ten, die da kom­ple­men­tär zu­sam­men­kom­men. Die „Pie­tà“ von Ju­se­pe de Ri­be­ra bil­det den Hin­ter­grund für die sach­lich ab­strak­te Büh­ne der Ge­gen­warts­hand­lung in Nea­pel – zu­gleich wird sie von die­ser Mo­der­ne buch­stä­blich im Rah­men ge­hal­ten. Völ­lig ge­trennt sind die Wel­ten nicht, so wie auch die Han­deln­den (in All­tags­klei­dung der letz­ten paar Jahr­zehn­te; Kos­tü­me: Clau­dia Krull) durch die Re­nais­san­ce-Ge­stal­ten un­ter­wan­dert wer­den.

Der Abend war in je­der Hin­sicht ein Ge­nuss. Auch das Or­ches­ter un­ter der Lei­tung von Sal­mie­ri spiel­te in glän­zen­der Form, dif­fe­ren­ziert, kon­zen­triert, fein­füh­lig, aber auch klang­voll und präch­tig im pas­sen­den Mo­ment. Glei­ches gilt für den Chor. Sal­mie­ri ist ge­nau der rich­ti­ge Mann für die­ses Stück, er kann grel­le Far­ben ge­nau­so wie zu­rück­hal­ten­de Tö­ne mo­del­lie­ren. Das Pu­bli­kum dank­te mit be­geis­ter­tem Ap­plaus.


Kars­ten Ma­cken­sen, 17.09.2018, Gießener Anzeiger

© 2019 Stadttheater Giessen
IMPRESSUM DATENSCHUTZ PRESSE
Nach oben
AUG
SEP
OKT
NOV
DEZ
JAN
FEB
MRZ
APR
MAI
JUN