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Vier Paa­re, vier Schi­cksa­le - Gießener Anzeiger
01.12.2018

Ein Abend der Nu­an­cen: Tanz­com­pag­nie Gie­ßen prä­sen­tiert Te­tra­lo­gie mit Du­et­ten des Ar­gen­ti­niers Da­ni­el Gol­din

Vier Paa­re un­ter­wegs, tan­zend, vol­ler Hoff­nung, auf dem Weg in ei­ne un­ge­wis­se Zu­kunft. Die Tanz­com­pag­nie Gie­ßen prä­sen­tier­te auf der taT-Stu­dio­büh­ne mit dem Stück „We­ger­zäh­lun­gen“ des ar­gen­ti­ni­schen Cho­reo­gra­phen Da­ni­el Gol­din die un­ter­schied­li­chen Le­bens­ge­schich­ten und Er­war­tun­gen die­ser acht Men­schen. 1994 urauf­ge­führt, hat sich „We­ger­zäh­lun­gen“, im Ori­gi­nal „Cu­en­tos del ca­mi­no“, längst zu ei­nem Klas­si­ker der cho­reo­gra­phi­schen Mo­der­ne in Deutsch­land ent­wi­ckelt. Gol­din ent­wi­ckel­te für die Tanz­com­pag­nie ei­ne neue Fas­sung und war zur Ein­stu­die­rung selbst nach Gie­ßen ge­kom­men.

Paa­re auf ih­ren brü­chi­gen Le­bens­we­gen: Ein The­ma, das Da­ni­el Gol­din nie los­ge­las­sen hat. Der nam­haf­te Cho­reo­graph stu­dier­te 1987 bis 1992 an der Folk­wang Hoch­schu­le in Es­sen und war von 1988 bis 1993 Mit­glied im Folk­wang Tanz­stu­dio un­ter der künst­le­ri­schen Lei­tung von Pi­na Bausch.

„A la de­ri­va“: So lau­te­te der Ti­tel des er­sten Du­etts. Fast un­be­weg­lich sind Lau­ra Avi­la und Yu­su­ke In­oue in der Dun­kel­heit zu ent­de­cken, be­leuch­tet nur von ei­nem schma­len Licht­strahl. Zwei er­schöpf­te Men­schen, wie Treib­gut ans Land ge­spült, die zit­ternd ei­ne An­nä­her­ung ver­su­chen und am En­de doch schei­tern. Das ver­ste­hen die bei­den Tan­zen­den in ih­rer Per­for­man­ce fein­sin­nig zum Aus­druck zu brin­gen.

Das zwei­te Du­ett zeigt Le­bens­we­ge aus ei­ner an­de­ren Per­spek­ti­ve: Ma­ria Adria­na Dor­nio und Sven Kraut­wurst sind in „La pe­reg­ri­na­ci­on“ (Die Wall­fahrt) als Rei­sen­de un­ter­wegs. Sie schrei­ten dem Ho­ri­zont ent­ge­gen, ver­su­chen An­nä­her­ung und Ver­stän­di­gung in im­mer neu­en For­men. Die Tän­zer er­wei­sen sich als ein­ge­spiel­tes Te­am, in ih­ren Be­we­gun­gen sen­si­bel auf­ein­an­der ein­ge­hend, oft in in­ni­gen Um­ar­mun­gen.

Be­son­ders vie­le Emo­tio­nen hält das fol­gen­de klei­ne Tanz­stück be­reit. „La som­bra y la lu­na“ (Der Schat­ten und der Mond) lau­tet der Ti­tel und ge­ra­de­zu traum­haft ist der Auf­tritt des Paa­res Ju­lie de Meu­le­mees­ter und Pa­trick Ca­bre­ra. Die Tän­zer um­run­den sich, spie­len mit­ein­an­der, mes­sen den Raum aus. Die Be­we­gung der Hän­de, der Aus­druck des Ge­sich­tes ist in die­sem Stück be­son­ders wich­tig, und bei­de Tän­zer prä­sen­tie­ren sich in in­ni­ger Ver­bun­den­heit, wie im Traum oder in Tran­ce.

Schließ­lich „Al­bo­ra­da“ (Ta­ges­an­bruch): In ih­rem Auf­tre­ten und auch in den Kos­tü­men wir­ken Cait­lin-Rae Crook und Gleid­son Vig­ne, als sei­en sie iri­sche Aus­wan­de­rer, die in die Neue Welt un­ter­wegs sind. Zu­nächst ge­bannt und nur mit we­ni­gen Be­we­gun­gen in Rich­tung Zu­kunft bli­ckend, kom­men die Tan­zen­den im Lauf des Stü­ckes zu kel­ti­scher Fol­klo­re­mu­sik im­mer mehr in Fahrt. Der Tanz­abend kom­bi­niert die Gi­tar­ren- und Du­del­sack­klän­ge un­ter an­de­rem mit Mu­sik von Ale­xan­der Bo­ro­din und An­to­nio Seoa­ne, un­ter­bro­chen von be­droh­li­chen Sturm­ge­räu­schen.

Vier Paa­re, vier Le­bens­schi­cksa­le. Ei­nen Aus­schnitt da­raus hat der Cho­reo­graph Da­ni­el Gol­din mit sei­nen „We­ger­zäh­lun­gen“ das Gie­ße­ner Pu­bli­kum mit­er­le­ben las­sen. Ei­ne Cho­reo­gra­phie wie fei­ne Kam­mer­mu­sik, hat ei­ne Fach­zei­tung da­zu ge­schrie­ben. Die­se Cha­rak­te­ri­stik trifft die Stim­mung ge­nau, und wer das klei­ne For­mat der Kam­mer­mu­sik liebt, hat auch die­sen Abend des Aus­druck­stan­zes und der fei­nen Nu­an­cen ge­nos­sen.

Lan­ger und be­geis­ter­ter Ap­plaus be­lohn­te die Tän­zer für ih­re äs­the­ti­schen und sorg­fäl­tig ein­stu­dier­ten Dar­bie­tun­gen. Ein­ge­schlos­sen in den Bei­fall auch Cho­reo­graph Da­ni­el Gol­din so­wie Kos­tüm­bild­ner Mat­thi­as Diet­rich.+


Ursula Hahn-Grimm, 01.12.2018, Gießener Anzeiger

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