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Tragödie wird zum Geschlechterkampf - Oberhessische Presse
21.11.2018

Das Stadttheater Gießen feiert Premiere mit ungewöhnlicher Inszenierung von „Romeo und Julia“

Zwei Liebende, die sich nicht lieben dürfen, weil ihr Umfeld sich mit Hass begegnet. Dies ist der Kern der Tragödie „Romeo und Julia“, mit der das Stadttheater Gießen am Samstag Premiere feierte.

William Shakespeares „Romeo und Julia“ ist die berühmteste und bekannteste Tragödie der Literaturgeschichte. Romeo und Julia sind längst Synonyme für (unglückliche) Liebende. Regisseurin Katrin Hentschel, die zum ersten Mal am Gießener Stadttheater inszeniert, hat die mehr als 400 Jahre alte Tragödie aus dem 16. Jahrhundert ordentlich gegen den Strich gebürstet.

Sie rückt in ihrer Inszenierung Julia in den Fokus. Hentschel besetzt die Figuren der Capulets mit Frauen und die der Montagues mit Männern, womit sie auch den Hass und die Gewalt zwischen Frauen und Männern thematisieren will. Die Tragödie spielt in der norditalienischen Stadt Verona. Dort herrscht eine Fehde zwischen den Capulets und den Montagues. Der junge Romeo gehört den Montagues an, die nicht ganz 14-jährige Julia den Capulets. Auf einem Fest der Capulets mischen sich Romeo und seine beiden Freunde Mercutio und Benvolio verkleidet unter die Gäste. Dort begegnen sich Romeo und Julia zum ersten Mal, es ist Liebe auf den ersten Blick. Doch aufgrund der Feindschaft ihrer Familien ist es eine verbotene Liebe, Julia ist zudem schon dem Grafen Paris versprochen.

Die Darsteller, allen voran Magnus Pflüger als Romeo und Esra Schreier als Julia, spielen hochkonzentriert und wirken in ihren Rollen sehr passend. Einfühlsame als auch energische, wutentbrannte Auftritte werden gleichermaßen überzeugend dargestellt. Die Sprache ist sehr zupackend, und auch allerlei Derbheiten der Originalversion werden aufgegriffen. So nimmt die Aufführung teils sehr frivole Züge an, wenn Mercutio (Stephan Hirschpointner) und Benvolio (Pascal Thomas) miteinander agieren. Dies sorgt für sehr unterhaltsame Szenen. Immer wieder gibt es komische Situationen, die die Zuschauer zum Lachen bringen. Mit Ausnahme von Romeo und Julia spielen alle anderen Darsteller mehrere Rollen.

Gießener Bürger sprechen „Die Fremden“

Bemerkenswert ist der Auftritt der Bürger von Verona, die von Gießener Bürgerinnen und Bürgern gespielt werden. Dabei verbinden sie das alte Stück mit einem sehr aktuellen Thema, nämlich der Flüchtlingskrise. Sie integrieren einen erst 2016 veröffentlichten Text von Shakespeare mit dem Titel „Die Fremden“ in die Aufführung. Die Bürger stellen die Diskussion dar zwischen den sogenannten „Wutbürgern“ und denen, die sich gegen eine populistische Stiummungsmache gegenüber den Flüchtlingen aussprechen.

Das Bühnenbild des Isländers Jósef Halldórsson lässt mit seiner teils romantischen, aber auch surrealen Gestaltung Raum für Assoziationen. Ein prägendes Element ist eine kokonartige Konstruktion, die als eine Art Traumblase für Romeo und Julia dient. Dort spielt sich etwa auch die berühmte Balkonszene ab. Ein weiteres wichtiges Element ist ein Baum, der mit Kronleuchtern geschmückt ist. Dieser ist der Bereich von Bruder Lorenzo (Roman Kurtz). Ansonsten ist das Bühnenbild eher schlicht gehalten. So kommen in der berühmten Schlussszene keinerlei Requisiten zum Tragen, allein die Vorstellungskraft der Zuschauer ist gefragt. Optisch eindrucksvoll sind von der Decke schwebende Luftballons, die auf dem Boden aufgerichtet stehen bleiben.

Michaela Barth hat die Darsteller in eindrucksvolle Kostüme gepackt. Starke Farben verbinden sich mit abstrakten Formen. So tragen die Capulets knallgrüne Rüschenkleider und grüne Perücken auf dem Kopf. Die Montagues tragen über ihrem nackten Oberkörper nur ein Sakko, das in knalligem lila gehalten ist.

Romeo und Julia stechen heraus, weil sie nicht in den typischen Farben und Verkleidungen ihrer Familien gekleidet sind. Äußerst merkwürdig sind die Kostüme der Bürger: sie treten als moderne Fahrradfahrer auf, mit Radhose, Radtrikot sowie Fahrradhelm.

Untermalt wird die Aufführung von elektronisch-minimalistischer Musik von Thomas Seher, die manchmal etwas in Richtung Pop geht.

Auch wenn die Aufführung für nicht geübte Theatergänger stellenweise etwas befremdlich wirkt: „Romeo und Julia“ von Katrin Hentschel stellt sich als eine originelle und gelungene Umsetzung des Klassikers dar. Positiv zu bewerten sind der Aktualitätsbezug sowie das ausdrucksstarke Spiel der Schauspieler.

Das Publikum im sehr gut besuchten Großen Haus des Stadttheater Gießen belohnte Darsteller und die Inszenierung mit lang anhaltendem Applaus.

 

Tim Goldau, 21.11.2018, Oberhessische Presse

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