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Star des Abends: Sa­mu­el Ma­ri­ño - Gießener Anzeiger
04.10.2018

Hofs­tet­ter lan­det Coup mit So­list des zwei­ten Sin­fo­nie­kon­zerts

Man kann es schlicht ei­nen Coup nen­nen, den Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor Mi­cha­el Hofs­tet­ter da beim zwei­ten Sin­fo­nie­kon­zert des Phil­har­mo­ni­schen Or­ches­ters am Diens­tag­abend im Gro­ßen Haus des Stadt­thea­ters ge­lan­det hat. Ge­ra­de­zu scham­los war das rei­ne Mo­zart-Pro­gramm um ei­ne So­lis­ten­per­sön­lich­keit her­um­ge­strickt. Die Rech­nung ist auf­ge­gan­gen; das be­geis­ter­te Pu­bli­kum spen­de­te kaum en­den wol­len­den, ste­hen­den Ap­plaus. Wer ist die­ser Künst­ler? Es han­delt sich um den ve­ne­zo­la­ni­schen So­pran­coun­ter Sa­mu­el Ma­ri­ño, ge­ra­de mit dem Stu­di­um fer­tig, aus­ge­zeich­net 2017 beim In­ter­na­tio­na­len Ge­sangs­wett­be­werb in Mar­seil­le. Kein Wun­der­kind, aber doch ei­ne ver­blüf­fen­de, jun­ge Stim­me mit ei­nem ge­wis­sen Sen­sa­ti­ons-Po­ten­zi­al.

Arie

Denn Ma­ri­ño steht am An­fang sei­ner Kar­rie­re, die steil an­stei­gen dürf­te. Tech­nisch ma­kel­los per­len ihm die Ko­lo­ra­tu­ren, das Dra­ma­ti­sche steht ihm mu­si­ka­lisch über­le­gen zu Ge­bo­te. Er konn­te das de­mon­strie­ren in so un­ter­schied­li­chen Wer­ken wie dem „Ex­sul­ta­te, ju­bi­la­te“ oder der herr­li­chen, viel zu sel­ten auf­ge­führ­ten Kon­zert­arie „Ah, lo pre­vi­di“, noch aus Mo­zarts Salz­bur­ger Zeit. Wäh­rend der ho­he Stil Ma­ri­ño mü­he­los ge­lingt, fällt ihm das Emp­find­sa­me schwe­rer; da wer­den die Tö­ne leicht brü­chig, das Vi­bra­to wirkt, wo es mi­ni­ma­le In­ton­ati­ons­schwä­chen kor­ri­giert, eng und fast ängst­lich. Et­was un­be­weg­lich klang die Stim­me in der Arie des Ses­to aus der Oper „La cle­men­za di Ti­to“, „Deh, per ques­to is­tan­te so­lo“, de­ren see­li­sche Ab­grün­de (für die Mo­zart ein Spe­zi­a­list war) sich so nicht recht er­schlos­sen. Ma­ri­ños wei­te­re Ent­wi­cklung wird mit größ­ter Span­nung zu ver­fol­gen sein – gleich die er­ste Ge­le­gen­heit da­zu bie­tet sei­ne Mit­wir­kung in der Gie­ße­ner In­sze­nie­rung von Georg Fried­rich Hän­dels „La re­sur­re­zio­ne“ im März 2019. Ho­he Thea­tra­li­tät präg­te das Pro­gramm auch in den rei­nen Or­ches­ter­wer­ken. Das gilt schon für die prak­tisch aus lau­ter Ef­fek­ten be­ste­hen­de „Pa­ri­ser Sin­fo­nie“, die wirk­lich mit­rei­ßend und bril­lant da­hin­brau­ste, aber na­tür­lich erst recht für die Oper­nou­ver­tü­ren zu „Ti­to“ und zu „Le noz­ze di Fi­ga­ro“. Was pres­tis­sis­si­mo in der Sin­fo­nie pul­sier­te, führ­te im „Fi­ga­ro“ zum Ver­wasch­enen: zu un­prä­zi­se war die­ses Durch­stür­men, als dass man Ge­le­gen­heit ge­fun­den hät­te, die iro­ni­sche Dop­pel­bö­dig­keit, die Lis­tig­keit die­ser Mu­sik zu hö­ren – das kann viel­leicht bis zur ent­spre­chen­den Pre­mie­re im De­zem­ber noch wach­sen.


Karsten Mackensen, 04.10.2018, Gießener Anzeiger

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