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Mit Zart­heit und Klang­wucht- Gießener Anzeiger
22.11.2018

Sin­fo­nie­kon­zert des Phil­har­mo­ni­schen Or­ches­ters Gie­ßen wid­me­te sich der deutsch-ös­ter­rei­chi­schen Ro­man­tik

Das Sin­fo­nie­kon­zert des Phil­har­mo­ni­schen Or­ches­ters Gie­ßen am Diens­tag­abend im Stadt­thea­ter war ganz der deutsch-ös­ter­rei­chi­schen Ro­man­tik ge­wid­met. Un­ter der Lei­tung von Lutz Ra­de­ma­cher spann­ten die Mu­si­ker ei­nen Bo­gen von Rit­ter­ro­man­tik bei Carl Ma­ria von We­ber über Gus­tav Mah­lers Volks­lied­ton bis hin zum kunst­re­li­gi­ös Mo­nu­men­ta­len der Sin­fo­nik An­ton Bruck­ners.

Den Be­ginn mach­te We­bers Ou­ver­tü­re zur Oper „Eu­ry­ant­he“. Als Kon­zert­stück be­liebt, ist die da­zu­ge­hö­ri­ge Oper um den mit­tel­al­ter­li­chen Gra­fen Ge­rard von Ne­vers und sei­ne Ge­lieb­te Eu­ry­ant­he von Sa­voy­en nur sel­ten zu se­hen. Da­bei macht die Ou­ver­tü­re wirk­lich Lust auf mehr, sie führt in der glei­chen Wei­se, wie man es vom „Frei­schütz“ kennt, The­men und Mo­ti­ve der Oper vor. Un­ver­kenn­bar sind der Hör­ner­klang, aber auch die Ly­rik des zwei­ten The­mas oder das Ra­san­te des Fu­ga­tos ge­nu­in We­be­risch. Das Or­ches­ter ge­stal­te­te das wie aus ei­nem Guss, erst durch­sich­tig und fein, spä­ter fu­ri­os und pracht­voll.

Kam­mer­mu­si­ka­li­sche Zart­heit und äu­ßers­te Sen­si­bi­li­tät ver­lan­gen dann die „Lie­der ei­nes fah­ren­den Ge­sel­len“ von Gus­tav Mah­ler. In­ter­pret war der Ba­ri­ton Grga Pe­roš, Mit­glied des Gie­ße­ner En­sem­bles seit 2016 – ak­tu­ell singt er den An­ne­tiel­lo in „Ma­la vi­ta“. Das ist ei­ne Ro­man­tik, die ei­ni­ges mit der fein­füh­li­gen Psy­cho­lo­gie der Lie­der Schub­erts zu tun hat; nicht zu­fäl­lig such­te Mah­ler In­spi­ra­ti­on für sei­ne Tex­te in der li­te­ra­ri­schen Ro­man­tik Bren­ta­nos und Ar­nims. Nun muss man die­se Lie­der viel­leicht nicht über­di­dak­tisch sin­gen (wie es Fi­scher-Dies­kau tat), in­des könn­te man sich doch Ar­ti­ku­la­ti­on und Stimm­ge­bung noch et­was ab­wech­slungs­rei­cher vor­stel­len, als Pe­roš es ge­stal­tet. Zu un­fle­xi­bel bleibt vor al­lem sein Vi­bra­to, auch da, wo – et­wa im er­sten Lied – die Kon­tra­ste zwi­schen Na­tur­schön­heit und tief­ster, in­ne­rer Trau­rig­keit so klar die mu­si­ka­li­sche Struk­tur be­stim­men.

Bur­schi­kos ging’s im zwei­ten Lied her, das re­si­gna­ti­ve „Nun fängt auch mein Glück wohl an?“ skan­dier­te Pe­roš bei­na­he, als woll­te er es her­bei­zwin­gen. „Ich hab’ ein glü­hend Mes­ser“ ge­lang ihm dann voll­kom­men, dra­ma­tisch und ver­zwei­felt, hier war er zu Hau­se.

Enor­me Her­aus­for­de­run­gen

Bruck­ners sieb­te Sin­fo­nie bil­de­te den zwei­ten Teil des Pro­gramms. Sie ent­hält für Hö­rer und Mu­si­ker enor­me Her­aus­for­de­run­gen. Die In­ter­pre­ta­ti­on muss über die mo­nu­men­ta­len Di­men­sio­nen der vier Sät­ze hin­weg die zahl­rei­chen, teils kon­tra­punk­ti­schen oder kam­mer­mu­si­ka­li­schen, teils flä­chig-sin­fo­ni­schen De­tails zu ei­ner Ein­heit schlüs­sig zu­sam­men­füh­ren. Ra­de­ma­cher, Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor in Det­mold, ver­such­te es über ei­ne ex­trem dis­zi­pli­nier­te, nach­ge­ra­de me­tro­no­mi­sche Tem­po­ge­bung. Da­bei ni­vel­lier­te er die Tem­pi nicht nur der ver­schie­de­nen Sät­ze, auch die Bin­nen­ab­schnit­te va­riier­te er nur so weit wie nö­tig. Gna­den­los lief Ra­de­ma­chers Schlag et­wa im drit­ten Satz durch, nicht das ge­ring­ste Nach­ge­ben ge­stat­te­te er dem Puls auch im Trio. Um­so stär­ker war man da­für viel­leicht sen­si­bi­li­siert für die Stel­len, wo er Ab­fe­de­rung er­laub­te, wie et­wa am En­de des Tri­os. Die­ses Ver­fah­ren hat Vor­tei­le; die Mu­sik er­fährt ei­ne Ent­schla­ckung – sie hat aber auch Nach­tei­le; man­che Pass­age wirkt steif. Das gilt für die re­zi­ta­ti­vi­schen Ge­sten des letz­ten Sat­zes, das gilt für den „Wal­zer“ des be­rühmt­en lang­sa­men Sat­zes.

Des­sen Stei­ge­rung al­ler­dings ge­riet groß­ar­tig; trotz des fast emo­ti­ons­lo­sen Di­ri­gats la­ger­ten sich die Schich­ten über­wäl­ti­gend über­ein­an­der. Und: Den (oh­ne­hin nicht aut­hen­ti­schen) Be­cken­schlag spar­te Ra­de­ma­cher aus und er­spar­te so dem Hö­he­punkt un­nö­ti­ge Thea­tra­li­tät. Ge­nug dy­na­mi­sche Wucht hat­te die Sin­fo­nie trotz sol­cher Sach­lich­keit al­le­mal, ge­ra­de dann auch im Fi­na­le, das selbst in der sprö­den Akus­tik des Thea­ters ei­ne ge­wal­ti­ge Klang­wucht ent­fal­te­te.


Kars­ten Ma­cken­sen, 22.11.2018, Gießener Allgemeine Zeitung

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