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Ko­bold mit dem ro­ten Haar - Gießener Anzeiger
05.11.2018

„Pu­muckl – das Mu­si­cal“ fei­ert Pre­mie­re im Gie­ße­ner Stadt­thea­ter / Hol­pri­ge Dra­ma­tur­gie aber gran­di­o­se Mu­sik und Ka­lau­er

Mit „Pu­muckl – das Mu­si­cal“ bringt das Stadt­thea­ter Gie­ßen in sei­ner neu­es­ten Pro­duk­ti­on ein Stück Mu­sik­thea­ter auf die Büh­ne, das den ho­hen An­spruch er­hebt, Un­ter­hal­tung für ver­schie­de­ne Ge­schmä­cker und Al­ters­stu­fen zu bie­ten. Dass dies nicht so ganz ge­lingt, dürf­te nicht zu­letzt am Stück sel­ber lie­gen, des­sen Dra­ma­tur­gie mu­si­ka­lisch und in­halt­lich nicht durch­weg schlüs­sig ist. Die In­sze­nie­rung von Oli­ver Pau­li stellt dem zu we­nig Ei­gen­stän­di­ges an die Sei­te.

Am Sams­tag war Pre­mie­re. Die At­mo­sphä­re im Pu­bli­kum war vol­ler Vor­freu­de. Es war zwar nicht ganz aus­ver­kauft, aber da­für wa­ren vie­le Kin­der da. Wer hät­te nicht an­ge­sichts der auf den Vor­hang ap­pli­zier­ten Sil­hou­et­te des ver­trau­ten Ko­bolds in­ner­lich „Hur­ra, hur­ra, der Pu­muckl ist da“ an­ge­stimmt. Noch be­vor es los­ging, wur­de mit gro­ßem Hal­lo die et­was ver­wirrt durch den Saal ir­ren­de Frau Stein­hau­ser be­grüßt, die of­fen­bar auf dem Weg zur Werks­tatt des Meis­ter Eders war. Im Lau­fe des Abends hat­te man aber den Ein­druck, dass die en­thu­si­as­ti­sche Freu­de des Pu­bli­kums sich stel­len­wei­se ein biss­chen leg­te. Hier und da gin­gen so­gar ei­ni­ge Leu­te frü­her.

Das „Pu­muckl“-Mu­si­cal er­fuhr sei­ne Urauf­füh­rung erst in die­sem April am Gärt­ner­platz­thea­ter in Mün­chen, wo es auch in Auf­trag ge­ge­ben wor­den ist. Die Mu­sik kom­po­nier­te Franz Wit­ten­brink auf ei­nen Text von An­ne X. We­ber nach den Vor­la­gen von El­lis Kraut. Grund­la­ge der Hand­lung bil­den die drei Epi­so­den „Spuk in der Werks­tatt“, in der sich Meis­ter Eder und Pu­muckl ken­nen­ler­nen, „Das Schloss­ge­spenst“ und „Der gro­ße Krach“. Da­raus bil­det das Mu­si­cal ei­ne Art lo­sen Bo­gen mit den Sta­tio­nen Ken­nen- und Lie­ben­ler­nen, Streit, Tren­nung und Ver­söh­nung. Denn na­tür­lich gibt es ein Hap­py End!

Die Epi­so­den ge­ben An­lass für ver­schie­dens­te Mu­sik­num­mern. Und die­se Mu­sik ist von ei­ni­ger Raf­fi­nes­se, die in ih­rer Viel­ge­stal­tig­keit al­len Be­tei­lig­ten Er­heb­li­ches ab­ver­langt. Wit­ten­brink ist ein Tau­send­sas­sa, der mit al­len mu­si­ka­li­schen Was­sern ge­wa­schen ist. Nicht nur spielt die Par­ti­tur mit al­len mög­li­chen Gen­res von Blas­mu­sik über Soul, Jazz und Rock bis hin zum Rap, sie leis­tet sich auch höchst wit­zi­ge Re­fe­ren­zen an die Opern­ge­schich­te. Die rich­ten sich ganz of­fen­sicht­lich eher an die Er­wachs­enen. Da gibt es bar­ocke Re­zi­ta­ti­ve (die sich aber schnell in jaz­zi­ge Klän­ge auf­lö­sen), da braust in ei­ner gran­dio­sen Traum-Sze­ne un­übe­rhör­bar ein flie­gen­der Hol­län­der im Sturm da­her (das Büh­nen­bild von Mo­ni­ka Go­ra ahmt da­zu bar­ocke Il­lu­si­ons­kunst nach), da singt Pu­muckl so et­was wie Sym­pho­nic Rap mit Bel­can­to-Ele­men­ten. „Das ist Kunst“, er­klärt er in dem Lied „Ich bin der ed­le Pu von Muckl“, und in der Tat hat er den sän­ge­risch an­spruchs­voll­sten Part. Tom Schi­mon be­wäl­tigt das bra­vou­rös: Fast im­mer im Fal­sett sin­gend, schafft er mü­he­los die Wech­sel zum (Pseu­do-)Dra­ma­ti­schen oder zum Buf­fo­nesk-Cha­rak­te­ri­sti­schen – ganz ab­ge­se­hen da­von, dass er auch noch stän­dig mit Ko­bold­stim­me spre­chen muss. Eben­falls in Best­form zeig­te sich To­mi Wendt als Meis­ter Eder, des­sen Par­tie eben­falls ei­ne enor­me Fle­xi­bi­li­tät des Stimm­cha­rak­ters for­dert. Und sein an­ge­neh­mer baye­ri­scher Ak­zent ist na­tür­lich der Rol­le wie auf den Leib ge­schnei­dert.

Die Epi­so­den­struk­tur dient als Vor­wand für zahl­rei­che wei­te­re mu­si­ka­li­sche Auf­trit­te: Da gibt es Sze­nen im Bier­gar­ten, in de­nen mu­si­ka­lisch ei­ne baye­ri­sche At­mo­sphä­re mit nicht ganz iro­nief­rei­en Blas­mu­sik-An­klän­gen er­zeugt wird. Auch der Kin­der­chor tritt bei et­was will­kür­li­chen Ge­le­gen­hei­ten auf, singt aber as­trein und so­gar mit vor­laut-fre­chen Chor­so­lis­ten (Ein­stu­die­rung: Mar­tin Gärt­ner), die ih­re Leh­re­rin (Son­ja Herr­mann) beim Schul­aus­flug ner­ven. Der als Tanz cho­reo­gra­phier­te Ge­spens­ter­chor im Schloss (Cho­reo­gra­phie: An­tho­ny Tay­lor) wirkt al­ler­dings ziem­lich fuß­lahm. Viel­leicht müss­te da auch die Mu­sik aus dem Gra­ben noch et­was fri­sche­ren Dri­ve ent­wi­ckeln. Ins­ge­samt sind aber Band und Or­ches­ter gut da­bei und spiel­ten un­ter der Lei­tung von An­dre­as Ko­wa­le­witz, der auch der Di­ri­gent der Mün­che­ner Urauf­füh­rung war, fast im­mer auf den Punkt. Auch das rest­li­che En­sem­ble kann da mit­hal­ten, Mi­chae­la Christl et­wa gibt ei­ne wun­der­bar ver­peilt-lüs­ter­ne Frau Stein­hau­ser, Mar­kus Rüh­rer als Schlos­ser Schmitt ist das idea­le Op­fer des Pu­muckl, die jun­ge Ma­ja Gan­den­ber­ger ver­kör­pert die jun­ge Han­na, Jo­han­na Mal­ecki de­ren ver­kram­pfte He­li­kop­ter­mut­ter und Mi­chae­la Weh­rum ist Wir­tin und Vro­ni.

Bei die­ser gan­zen Ab­wech­slung ge­lingt es je­doch der In­sze­nie­rung nicht so recht, das vie­le Ein­zel­ne wirk­lich zu ei­nem Guss zu­sam­men­zu­fü­gen. An Ka­lau­ern man­gelt es dem Text nicht, aber nicht je­der Gag zün­det. Im­mer­hin: Es gab schon ei­ni­ge (Er­wachs­enen-)La­cher, wenn et­wa die harm­lo­sen Holz­spä­ne in Meis­ter Eders Werks­tatt zur phi­lo­so­phi­schen Ref­le­xi­on ein­la­den: „Spahn oder nicht Spahn, das wird bald die Fra­ge.“ Au­ßer­dem setzt die Re­gie auf Dia­lekt und re­gio­na­le Ste­reo­ty­pen. Das ist harm­los und im­mer gut für ei­nen folg­en­lo­sen La­cher. Wa­rum aber ein Dar­stel­ler ko­rea­ni­scher Her­kunft als Asia­te bloß­ge­stellt wird, der al­ber­ne Kung-Fu-Be­we­gun­gen aus­führt (Chul-Ho Jang als But­ler)? Hier kippt das Kli­schee ins Ras­sis­ti­sche.

Wirk­lich ge­lun­gen ist die Idee, das Thea­ter als Thea­ter vor­zu­zei­gen. Ist Pu­muckl sicht­bar, ver­schmilzt der Dar­stel­ler mit ei­ner von ihm ge­führ­ten gro­ßen Hand­pup­pe, die so­fort ver­schwin­det, so­bald Be­su­cher kom­men. Der Il­lu­si­ons­ef­fekt ist wun­der­bar, wenn der „un­sicht­ba­re“, aber höchst prä­sen­te Pu­muckl auf of­fe­ner Büh­ne Ge­gen­stän­de wan­dern oder durch die Luft schwe­ben lässt – das hel­le Kin­der­la­chen zeig­te klar, dass der Ef­fekt funk­tio­niert hat. Auch die Büh­nen­ele­men­te sind al­les­amt nur auf Pap­pen ge­zo­ge­ne Fo­tos.

Am En­de trotz­dem ge­hö­rig gro­ßen Bei­fall: Es war eben doch ein gro­ßer Spaß.


Karsten Mackensen, 05.11.2018, Gießener Anzeiger

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