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  • ADRIANA ALTARAS liest aus ihrem Roman „Die jüdische Souffleuse“
  • Pressedetail
„Gie­ßen bleibt mein Epi­zen­trum“ – Gießener Anzeiger
27.11.2018

Adria­na Al­ta­ras liest aus ih­rem neu­en Ro­man und ver­rät, wie oft man durch ei­ne Fuß­gän­ger­zo­ne ge­hen kann, oh­ne Selbst­mord zu be­ge­hen

Heim­spiel im „Epi­zen­trum“. So we­nig wie Adria­na Al­ta­ras von Gie­ßen los­kommt, so we­nig hat die hass­ge­lieb­te Hei­mat­stadt sei­ne in der Frem­de zu ver­dien­tem Ruhm und An­er­ken­nung ge­lang­te Toch­ter ver­ges­sen. Das Stadt­thea­ter ist na­he­zu aus­ver­kauft, als die 58-Jäh­ri­ge dort ih­ren neu­en und drit­ten Ro­man „Die jü­di­sche Souff­leu­se“ vor­stellt. Aber was heißt hier schon Ro­man. Die toll­dreis­tes­ten Ge­schich­ten schreibt im­mer noch das Le­ben, das hat Al­ta­ras bei ih­rem Vor­bild Isaac Bas­he­vis Sin­ger ge­lernt, bei dem schon mal ein Dib­buk (jü­di­scher To­ten­dä­mon), auf der Über­fahrt in die neue Welt, des Hel­den ge­ra­de auf dem Schiff ent­deck­te gro­ße Lie­be raubt.

„Die jü­di­sche Souff­leu­se“, sagt Al­ta­ras, ist ihr drit­ter Fa­mi­li­en­ro­man. Er­zähl­te ihr De­büt „Ti­tos Bril­le“ noch die Ge­schich­te ih­rer El­tern und „Doi­scha“, die Ir­run­gen und Wir­run­gen ih­rer ei­ge­nen mul­ti­kul­tu­rel­len Misch­po­ke zwi­schen Ber­lin, Hai­fa und West­fa­len, dreht sich dies­mal – vor­der­grün­dig – al­les um das Thea­ter. Die­ser Jahr­markt der Ei­tel­kei­ten, die­ses Treib­haus, in dem die Neu­ro­sen treff­lich ge­dei­hen, ist der Schau­spie­le­rin, Thea­ter­re­gis­seu­rin und Dra­ma­tur­gin na­tür­lich be­stens ver­traut und auch ei­ne Art von Fa­mi­lie. In ei­ner „im Krieg zers­tör­ten Stadt“, de­ren Zen­trum „ein Kon­zen­trat der Nach­kriegs­ar­chi­tek­tur“ ist (Al­ta­ras: „Ich ha­be nicht Gie­ßen ge­sagt!“), hat die Pro­ta­go­nis­tin die irr­wit­zi­ge Auf­ga­be über­nom­men, Mo­zarts „Ent­füh­rung aus dem Se­rail“ zu in­sze­nie­ren, da­bei kann sie mit Opern we­nig und mit Mo­zart noch we­ni­ger an­fan­gen. Wa­rum singt die­ser Bel­mon­te drei Arien, be­vor er über­haupt in die Pu­schen kommt, um sei­ne Kons­tan­ze zu ret­ten?

Nicht min­der drol­lig geht es hin­ter der Büh­ne zu. Mit schnod­dri­gem Hu­mor spießt Al­ta­ras das gan­ze Pan­op­ti­kum der Pro­fil­neu­rot­iker und eit­len (Selbst)dar­stel­ler auf, die so ein Klein­stadt­thea­ter be­völ­kern. Und dann ist da noch die­se auf­dring­li­che Souff­leu­se, die der Ich-Er­zäh­le­rin nicht von der Sei­te weicht und ge­hö­rig auf den Geist geht „Aha. Von da­her weht der Wind. Ei­ne Phi­lo­se­mi­tin“, liest Al­ta­ras vor und er­gänzt frei. „Da­für gibt es doch Ärz­te oder Lea Rosh“.

Doch weit ge­fehlt: Souff­leu­se Su­san­ne heißt ei­gent­lich Sis­se­le und steht auf der an­de­ren Sei­te des gro­ßen Zi­vi­li­sa­ti­ons­bruchs des 20. Jahr­hun­derts. Mit den Wor­ten: „Ich ma­che im­mer ei­nen blö­den Witz, wenn es ganz hart kommt“ und dem Rat: „Sie müs­sen in der Pau­se trin­ken. Sie wer­den es brau­chen“, schickt Al­ta­ras das Pu­bli­kum nach ei­ner Stun­de ins Foy­er. (Die gu­ten Wit­ze hebt sie sich fürs Fi­na­le auf).

Nach der Pau­se folgt auf den Zu­cker der Blick in den Ab­grund. Wie in al­len Wer­ken Al­ta­ras‘ ist das Grau­en nie weit vom Ge­läch­ter ent­fernt. In ei­ner eben­so ein­fühl­sa­men wie mit­füh­len­den Spra­che er­zählt die Schrift­stel­le­rin die Ge­schich­te ei­ner Lie­be, die zwi­schen den Bar­acken und Gas­kam­mern des Ver­nich­tungs­la­gers ent­steht und Jahr­zehn­te spä­ter noch im­mer Men­schen um­treibt. In die­sem zwei­ten Teil nimmt Sis­se­le die Er­zäh­le­rin (oder ist es um­ge­kehrt?) mit auf ei­ne Odys­see um die Welt und durch das 20. Jahr­hun­dert, Ka­na­da, Bad Arol­sen oder Maut­hau­sen sind nur ei­ni­ge Etap­pen auf dem Weg zu ei­ner Auf­lö­sung, die an die­sem Abend na­tur­ge­mäß den Le­sern der „jü­di­schen Souff­leu­se“ vor­be­hal­ten blei­ben muss.

Als Zu­ga­be und Raussch­mei­ßer ser­viert Al­ta­ras ih­ren auch nach zwei Stun­den noch ge­bannt lau­schen­den Zu­hö­rern die Kurz­ge­schich­te „Pro­vinz“, in der un­ter an­de­rem die Fra­ge ge­klärt wird, wie oft man durch ei­ne Fuß­gän­ger­zo­ne ge­hen kann, oh­ne Selbst­mord zu be­ge­hen. Nun, die al­ters­mil­de­re Ant­wort auf die­se einst im ado­les­zen­ten Auf­ruhr ge­stell­te Fra­ge fällt ver­söhn­lich aus. Viel­leicht so­gar ver­söhn­li­cher, als es die­se Welt ver­dient hat.


In­go Berg­hö­fer, 27.11.2018, Gießner Anzeiger

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