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Cow­bo­ys­tie­fel sind här­ter als Turn­schu­he - Gießener Anzeiger
19.11.2018

Fan­ta­sie­voll-über­zeu­gen­der Ge­schlech­ter­kampf: Pre­mie­re von Wil­li­am Sha­ke­spea­res Lie­bes­dra­ma „Ro­meo und Ju­lia“ im Stadt­thea­ter

Die Kampf­zo­ne zwi­schen Frau­en und Män­nern scheint sich in den ver­gan­ge­nen rund 400 Jah­ren nur un­we­sent­lich ver­klein­ert zu ha­ben. Welt­wei­te Ge­rech­tig­keits-, Gen­der- und #mee­too-De­bat­ten zeu­gen ge­ra­de wie­der da­von, welch dau­er­haf­te Ak­tua­li­tät das The­ma be­sitzt. Wie (be­denk­lich) es um das Ver­hält­nis der Ge­schlech­ter steht, da­mit be­fasst sich auch Gast­re­gis­seu­rin Ka­trin Hent­schel in ih­rer Ver­si­on von Wil­li­am Sha­ke­spea­res 1597 ver­öf­fent­lich­tem Dra­ma „Ro­meo und Ju­lia“. Zu er­le­ben wa­ren bei der Pre­mie­re am Sams­tag­abend im Gie­ße­ner Stadt­thea­ter ein über­zeu­gen­des En­sem­ble, ei­ne fan­ta­sie­voll-sur­rea­le Büh­nen­land­schaft und ra­san­te Wort­du­el­le, wenng­leich nicht al­le dra­ma­tur­gi­schen Ide­en auch ins Schwar­ze tra­fen.

Lo­ka­le Be­zü­ge

Ent­schei­dend ist bei die­sem be­rühmt­es­ten al­les Lie­bes­dra­men nicht das Was, son­dern das Wie. Schließ­lich ist wohl je­der schon ein­mal mit ir­gend­ei­ner Be­ar­bei­tung des Stof­fes in Be­rüh­rung ge­kom­men, ob klas­si­sche Ver­si­on am Ver­one­ser Bal­kon, ob Leo­nard Bern­steins New Yor­ker Mu­si­cal-Va­ri­an­te na­mens „West Si­de Sto­ry“, ob über­dreh­tes Ki­no­spek­ta­kel „Ro­meo + Ju­liet“ mit Leo­nar­do Di­Ca­prio und Clai­re Da­nes oder zu­letzt die eher bra­ve Ver­si­on aus dem Neu­rei­chen- und Proll-Mi­lieu bei den Wetz­la­rer Fest­spie­len 2017.

Die erst­mals am Stadt­thea­ter ar­bei­ten­de Re­gis­seu­rin Hent­schel hat sich für ei­ne Va­ri­an­te in ei­nem ab­strak­ten Raum mit lo­ka­len Be­zü­gen ent­schie­den, für die sie ei­ge­nes ei­nen Chor aus Gie­ße­ner Lai­en­dar­stel­lern zu­sam­men­ge­stellt hat. Die­se drei Frau­en und neun Män­ner tra­gen zwar ein­heit­li­che Rad­lerk­la­mot­ten, sind aber al­les an­de­re als ei­ner Mei­nung – wo­mit der Ton des Abends ge­setzt ist. Vor al­lem die Her­ren ge­ben sich gleich zu Be­ginn des Stücks als Gift und Gal­le spu­cken­de Kampf­rad­ler zu er­ken­nen, die ih­re Mit­bürg­erin­nen ver­spot­ten und aus­gren­zen. Sol­chen Wut­bürg­ern möch­te man wahr­lich nicht auf Gie­ßens Stra­ßen be­geg­nen.

Die da­bei ent­ste­hen­de Trenn­li­nie zwi­schen Mann und Frau zieht Ka­trin Hent­schel dann gleich noch ein­mal, wenn sie die be­rühmt­en Fa­mi­li­en der Ca­pu­lets und Mon­tag­ues auf­mar­schie­ren lässt. Die sind schon an­hand ih­rer Klei­dung (ori­gi­nel­le Kos­tü­me: Mi­chae­la Barth) dem je­wei­li­gen La­ger zu­zu­ord­nen. Auf der ei­nen Sei­te Ju­li­as aus­schließ­lich weib­li­che Fa­mi­lie in opu­len­ter grü­ner Ro­be, auf der an­de­ren Sei­te Ro­meos Män­ner-Gang, die in ro­ten är­mel­lo­sen An­zü­gen steckt. Mer­cu­tio (Ste­phan Hirsch­po­int­ner) und Ben­vo­lio (Pa­scal Tho­mas) er­in­nern mit ih­rem aus den Sak­kos quel­len­dem Brust­haar, den Schlag­ho­sen und den ro­ten Stie­feln da­bei ein we­nig an den „Led-Zep­pe­lin“-Ro­cksän­ger Ro­bert Plant in den frü­hen 70ern. Ih­re lan­gen Mäh­nen zeu­gen von ei­ner un­an­ge­nehm auf­dring­li­chen Vi­ri­li­tät. Die­se an­ima­li­sche Trieb­haf­tig­keit wol­len die­se hüft­schwin­gen­den Ma­cker kaum im Zaum hal­ten, „Pus­sy Grab­ber“ ist ein noch recht jun­ges Stich­wort, das ei­nem da­bei so­fort in den Sinn kommt. Zu die­sen Fi­gu­ren passt die grif­fi­ge, zeit­ge­mä­ße und mit se­xu­el­len An­spie­lun­gen ge­spick­te Über­set­zung der Sha­ke­spea­re-Vor­la­ge, die der Schrift­stel­ler Tho­mas Brasch An­fang der 1990er Jah­re ge­schaf­fen hat.

Ih­nen ge­gen­über steht ein weib­li­cher, gift­grü­ner und vom Hass zer­fres­se­ner Ty­balt (Pau­la Schröt­ter), die zeigt: Auch Frau­en kön­nen rich­tig fies sein. Das eben­falls schwe­re Stie­fel tra­gen­de Fa­mi­li­en­ober­haupt Ca­pu­let (Ca­ro­lin We­ber) da­ge­gen hin­ter­lässt da­ge­gen zu­min­dest ei­nen et­was ra­tio­na­le­ren, we­ni­ger hoch­fah­ren­den Ein­druck und hält die Fa­mi­li­en­feh­de (zu­min­dest lan­ge Zeit) un­ter Kon­trol­le.

Da­zwi­schen das Lie­bes­paar, Turn­schu­he tra­gend und auch geis­tig be­weg­li­cher als al­le an­de­ren, aber gleich­zei­tig auf fa­ta­le Wei­se ein­ge­klemmt zwi­schen den fa­mi­liä­ren Ri­va­li­tä­ten. Als ech­te Ent­de­ckung er­weist sich da­bei Es­ra Schrei­er, ein Neu­zu­gang im Gie­ße­ner En­sem­ble. Sie ver­kör­pert auf sub­ti­le Wei­se ei­ne Ju­lia zwi­schen ju­gend­li­cher Un­schuld und er­wa­chen­der Re­ni­tenz, zwi­schen blin­der Lei­den­schaft und wa­chem Geist. Das Le­ben ist für die­ses fre­che Gör an der Schwel­le zum Er­wachs­en­wer­den noch ein ein­zi­ges Ver­spre­chen. Und wenn das nicht ein­ge­löst wird, darf man sich durch­aus auch vor Wut auf den Bo­den schmei­ßen und mit den Fäus­ten trom­meln, wie ein Klein­kind an der Su­per­markt­kas­se. Ju­lia ist (laut Vor­la­ge) schließ­lich erst 13 Jah­re alt.

Fa­mo­se Ju­lia

An ih­rer Sei­te Mag­nus Pflü­ger, der ei­nen ver­träum­ten, manch­mal auch arg ver­peil­ten Ro­meo ab­gibt, wenn er da un­gläu­big vom Büh­nen­rand in die Welt­ge­schich­te staunt. Er ist ein Typ, der Kon­fron­ta­tio­nen ger­ne aus dem Weg geht und sei­ne Haa­re ver­mut­lich nur des­halb lang trägt, weil es al­le an­dern auch so ma­chen. Und da­mit et­was zu sehr Schlaf­fi, um ein Tem­pe­ra­ments­bün­del wie Ju­lia glaub­haft für sich ein­zu­neh­men. Vor al­lem aber ist er viel zu lieb und sanft, um tat­säch­lich in ei­nem kur­zen An­flug von Ra­se­rei den für die Tra­gö­die ent­schei­den­den Mord zu be­ge­hen.

Doch be­vor es so­weit ist, darf man sich an ei­nem Thea­ter­raum er­freu­en, der dem nai­ven jun­gen Paar viel Raum zum Fan­ta­sie­ren von der ewi­gen Lie­be lässt. Da­zu hat Büh­nen­bild­ner Jó­sef Hall­dórs­son Ju­lia ei­ne Art Ko­kon ge­baut, der meist ein we­nig über den Bo­den schwebt und sich da­mit ide­al für ih­re ro­man­ti­sche Welt­flucht eig­net. Ro­meo hin­ge­gen steigt im­mer wie­der auf ei­nen mäch­ti­gen Baum (der Er­kennt­nis?) hin­auf, wenn er sei­nen Beicht­va­ter Lo­ren­zo zu Ra­te zieht. Dar­stel­ler Ro­man Kurtz ver­leiht die­sem Mönch sou­ve­rän Kon­tur: ein ech­ter Kerl mit schwe­rem Um­hang, grau­er Mäh­ne und ge­nug Le­bens­er­fah­rung, um die sich an­bah­nen­den Ge­fah­ren zu wit­tern.

Und dann ist da noch die Ge­sangss­ze­ne, ei­ner der Hö­he­punk­te des Abends. Da schwebt Ju­lia in ei­nem quietsch­grü­nen run­den Plüsch­ball in luf­ti­ger Hö­he über die Büh­ne, wäh­rend sie ei­ne schö­ne Bal­la­de (Mu­sik: Tho­mas Se­her) zum Be­sten gibt und es wei­ße Schnip­sel reg­net. Hier schlägt Iro­nie den Kitsch – be­vor es dann um­ge­hend rich­tig ernst wird.

So schnurrt die­se In­sze­nie­rung eben­so tem­po- wie fa­cet­ten­reich auf ihr dra­ma­ti­sches Fi­na­le zu, wenn bis da­hin auch nicht al­le in­sze­na­to­ri­schen Ide­en Fun­ken schla­gen. Ein vom Rad­ler-Chor ge­spro­che­ner Text („Die Frem­den“) wirkt mit sei­nem Rä­so­nie­ren über Flücht­lin­ge und das Mit­tel­meer­dra­ma die­ser Ta­ge wie ein all­zu will­kür­lich hin­zu­ge­füg­ter Fremd­kör­per. Da­für spart Re­gis­seu­rin Hent­schel am En­de Zeit und Raum bei der Ster­bes­ze­ne, wenn sie schließ­lich al­le Schau­spie­ler das Fi­na­le ein we­nig nüch­tern an der Ram­pe spre­chen lässt.

Aber, und das über­wiegt in die­ser In­sze­nie­rung bei Wei­tem: Sie fin­det ei­ne ei­ge­ne Form für den Sha­ke­spea­re-Klas­si­ker, der dem Pu­bli­kum aus­rei­chend Raum für über­ra­schen­de Ent­de­ckun­gen gibt. So wird hier – wer hät­te das ge­dacht? – die Ca­pu­let zur span­nend­sten Fi­gur des Abends, wenn sie schließ­lich die adret­te Mas­ke fal­len lässt. In die­ser zu­nächst so be­herrsch­ten Pa­tri­ar­chin steckt ein wah­res Mut­ter­mons­ter, das, wie Ca­ro­lin We­ber ein­dru­cksvoll zeigt, al­lein am ei­ge­nen Schi­cksal in­te­res­siert ist – und ei­nen da­mit wahr­lich das Fürch­ten leh­ren kann.

Mut­ter als Mons­ter

Den wohl wich­tigs­ten Satz des Abends steu­ert aber Ro­man Kurtz bei, der dem ju­gend­li­chen Schwär­mer als Mönch ver­geb­lich zu „Maß und Mit­te“ auch in der Lie­be rät und da­mit da­für sorgt, dass sich auch nach die­sen rund zwei­ein­halb in­ten­si­ven Thea­ter­stun­den noch ein­mal über den ver­meint­lich so be­kann­ten Dra­mas­toff nach­zu­den­ken lohnt. Ist es nicht am En­de so, dass die­ses im Lie­bes­wahn tau­meln­de Paar sein trau­ri­ges Schi­cksal durch­aus selbst zu ver­ant­wor­ten hat? Die­se Fra­ge darf, soll und muss sich je­der Zu­schau­er selbst be­ant­wor­ten.


Björn Gau­ges, 19.11.2018, Gießener Anzeiger

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