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Ansichten einer Vorstadthölle - Gießener Anzeiger
03.09.2018

Ver­bre­cher­bal­la­de „John­ny Breit­wie­ser“ im Gro­ßen Haus / We­nig über­ra­schen­des, aber ho­mo­ge­nes En­sem­ble über­zeugt

Ei­ne Ge­schich­te zwi­schen Wahr­heit und Le­gen­de: Jo­hann Breit­wie­ser (1891-1919) ge­lang­te in sei­ner Hei­mat­stadt Wien zu zwei­fel­haf­tem Ruhm, weil er als ge­witz­ter Ein­bre­cher und cha­ris­ma­ti­scher Nach­fah­re von Ro­bin Hood galt, der der ver­hass­ten Obrig­keit im­mer wie­der ei­ne lan­ge Na­se dreht. Im Stadt­thea­ter Gie­ßen fei­er­te das Stück „John­ny Breit­wie­ser“ von Tho­mas Arzt nun sei­ne Pre­mie­re: in düs­te­ren Far­ben, mit Strei­cher­mu­sik, Lie­dern so­wie klei­nen Cho­reo­gra­phien an­ge­rei­chert – und oh­ne je­de Aus­sicht auf ein Hap­py End.

Pre­mie­ren­auf­füh­rung

Da hät­ten sich John­ny Breit­wie­ser und sei­ne Gang wohl sehr ge­wun­dert: Knapp 100 Jah­re, nach­dem das all­zu kur­ze Le­ben des Ver­bre­cher­kö­nigs aus der Wie­ner Vor­stadt von der Po­li­zei be­en­det wur­de, ver­lieh der „Eco­no­mist“ der ös­ter­rei­chi­schen Me­trop­ole vor we­ni­gen Ta­gen den Ti­tel als le­bens­wert­es­te Stadt der Welt. In der In­sze­nie­rung von Mal­te C. Lach­mann sieht das auf der Büh­ne des Stadt­thea­ters Gie­ßen je­den­falls ganz an­ders aus. Die sonst häu­fig so präch­tig ge­schil­der­te Do­nau­me­trop­ole des Fin du Sièc­le, das Wien Sig­mund Freuds, Gus­tav Klimts und Ste­fan Zweigs, be­steht hier al­lei­ne aus auf­ge­schich­te­ten grau­en As­phalt­plat­ten und Be­ton­res­ten, als ob bei ei­nem Bom­ben­an­griff ge­ra­de gan­ze Stra­ßen­zü­ge in Schutt und Asche ge­legt wor­den sei­en.

Be­schä­dig­te Fi­gu­ren

Doch es ist nicht nur die Stadt, die in die­sem Stück in Trüm­mern liegt. Auch die Fi­gu­ren der in deut­scher Er­stauf­füh­rung ge­zeig­ten Ver­bre­cher­bal­la­de sind na­he­zu al­les­amt be­schä­digt – am Kör­per wie am Geist. Re­gis­seur Lach­mann und Udo Herb­ster (Büh­ne und Kos­tü­me) ma­chen das bis zur Über­deut­lich­keit kennt­lich. Die Pro­le­ta­rier die­ser Vor­stadt­höl­le tra­gen zer­schlis­se­ne Lum­pen, lau­fen bar­fuß oder ha­ben, wie die furcht­bar an­zu­schau­en­de Bett­le­rin Lu­ise (Pau­la Schröt­ter), so­gar ein de­for­mier­tes Bein und ein zu­ge­wachs­enes Au­ge. Ver­dreck­te Ge­sich­ter und ver­faul­te Zäh­ne ge­hö­ren eben­falls zum Er­schei­nungs­bild die­ser Men­schen (An­na-Eli­se Mi­net­ti, Ste­phan Hirsch­po­int­ner, Da­vid Moor­bach). Es sind ver­härm­te Elends­ge­stal­ten, die di­rekt aus den schau­ri­gen Lein­wand­wel­ten von Geor­ge Grosz oder Ot­to Dix ent­sprun­gen schei­nen.

Ei­ne Aus­nah­me gibt es al­ler­dings: den cha­ris­ma­ti­schen, ti­tel­ge­ben­den John­ny. Lu­kas Gold­bach ver­leiht dem Ga­no­ven ei­ne an­ge­nehm am­bi­va­len­te Ge­stalt: als at­trak­ti­ver, cle­ve­rer Vor­stadt­striz­zi, dem nicht nur die Frau­en sei­nes Un­ter­schichts­mi­lie­us, son­dern so­gar die ge­lang­weil­ten Da­men aus gu­tem Hau­se (Jo­han­na Mal­ecki) nach­ren­nen.

Tra­gi­scher Held

So er­in­nert der häu­fig ei­ne Kip­pe auf der Un­ter­lip­pe ba­lan­cie­ren­de Schau­spie­ler ein we­nig an den einst von Je­an-Paul Bel­mon­do ver­kör­per­ten Klein­gangs­ter in „Au­ßer A­tem“. Zu se­hen ist ein tra­gi­scher Held, dem man ob sei­ner sanf­ten Me­lan­cho­lie auch die im­mer wie­der er­up­tiv aus­bre­chen­den Ge­walt­mo­men­te um­ge­hend ver­zei­hen mag. Mit ei­ner Aus­nah­me: dem Po­li­zis­ten Schödl (Tom Wild), dem bei sei­ner Jagd einst von John­ny ei­ne Hand ka­putt­ge­schos­sen wur­de. Nun sinnt der Krüp­pel wut­ver­zerrt auf Ra­che. Noch so ei­ne ver­sehr­te Elends­ge­stalt in die­sem Büh­nen­kos­mos – wenn auch um ei­ni­ges bes­ser an­ge­zo­gen.
Vie­les in die­ser In­sze­nie­rung er­in­nert an Ber­tolt Brechts „Dreig­ro­sche­no­per“. Nicht nur die Zeit der Hand­lung und das por­trä­tier­te Ge­sell­schafts­mi­lieu, bei dem an­ge­sichts des of­fen­sicht­li­chen Staats­ver­sa­gens zwangs­läu­fig das Fres­sen vor der Mo­ral kommt. Auch die mu­si­ka­li­sche Be­glei­tung funk­tio­niert wie die von Kurt Weill kom­po­nier­ten Mo­ri­ta­te, die von John­nys Be­rufs­kol­le­gen Ma­ckie Mes­ser er­zäh­len. Auf der Stadt­thea­ter­büh­ne ist es ein um ein Schlag­zeug an­ge­rei­cher­tes Streich­quar­tett, das die ein­zel­nen Sze­nen in­stru­men­tal be­glei­tet und über­zeu­gend be­rei­chert, den Rhyth­mus der Er­zäh­lung struk­tu­riert und auch die Klän­ge für die von den Schau­spiel­ern vor­ge­tra­ge­nen Lie­der bei­steu­ert (mu­si­ka­li­sche Lei­tung: Mar­tin Spahr). Die von Dra­ma­ti­ker Tho­mas Arzt ge­wähl­te, leicht ös­ter­rei­chisch ein­ge­färb­te Kunst­spra­che macht wei­te­re An­lei­hen deut­lich – ge­bro­chen durch ein paar la­pi­dar-heu­ti­ge „Sor­ry“ oder das et­was zu in­fla­tio­när ge­brauch­te „Schei­ße“.

Über­ra­schun­gen blei­ben aus

So blei­ben nach zwei­ein­halb Stun­den die gro­ßen Über­ra­schungs­mo­men­te aus, wenng­leich das ho­mo­ge­ne En­sem­ble eben­so über­zeugt, wie man­che grif­fi­ge For­mu­lie­rung („Die Ar­mut ist da, wo der Kampf auf­hört“). Dass viel­leicht noch et­was mehr drin ge­we­sen wä­re in die­ser In­sze­nie­rung, zeigt ei­ne Sze­ne, in der die Gren­ze zwi­schen Büh­ne und Pu­bli­kum plötz­lich für kur­ze Zeit auf­ge­ho­ben wird. Da zwän­gen sich John­ny und sei­ne her­un­ter­ge­kom­me­nen Be­glei­ter plötz­lich bei hel­lem Saal­licht durch die Zu­schau­er­rei­hen, weil sie sich auf ei­ner Par­ty ein­ge­la­den wäh­nen. Und es ist zu spü­ren: Zwi­schen die­sen Elends­ge­stal­ten und dem Thea­ter­pu­bli­kum be­steht ei­ne Dis­tanz, die viel grö­ßer ist als ein Büh­nen­gra­ben. Wer nun ak­tu­el­le Be­zü­ge in die­sem Stück sucht – hier wer­den sie von den Saal­schein­wer­fern ei­nen Mo­ment lang un­an­ge­nehm grell an­ge­strahlt.

 

Björn Gauges, 03.09.2018, Gießener Anzeiger

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