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Wiederum großartige Chorarbeit - Gießener Anzeiger
16.11.2017

Klang­präch­ti­ge Auf­füh­rung des „Deut­schen Re­quiems“ im Stadt­thea­ter / Am Sonn­tag Wie­der­ho­lung

Herz­li­cher, lang­an­hal­ten­der Ap­plaus nach ei­ner be­we­gen­den Auf­füh­rung: Wie sehr das „Deut­sche Re­quiem“ von Jo­han­nes Brahms (1833 bis 1897) noch im­mer die Her­zen der Zu­hö­rer zu rüh­ren ver­mag, zeig­te sich am Diens­tag­abend im Sin­fo­nie­kon­zert im voll­be­setz­ten Stadt­thea­ter. Un­ter der Lei­tung von Chor­di­rek­tor Jan Hoff­mann er­klang das ge­wich­ti­ge Chors­tück, das zu den po­pu­lärs­ten Wer­ken des Kom­po­nis­ten ge­hört, in ei­ner mu­si­ka­lisch aus­ge­feil­ten, klang­präch­ti­gen Wie­der­ga­be. Hoff­mann di­ri­gier­te vol­ler Elan und ließ in die­sen 70 Mi­nu­ten nicht nach, den 120-köp­fi­gen Rie­sen­chor im­mer wie­der an­zu­spor­nen und zu ei­ner Glanz­leis­tung zu füh­ren. Ne­ben dem Chor des Gie­ße­ner Kon­zert­ver­eins, der 225-jäh­ri­ges Be­ste­hen fei­ert, san­gen der Chor der Wetz­la­rer Sin­ga­ka­de­mie und des Stadt­thea­ters. In zu­ver­läs­sig gu­ter Form be­sorg­te das Phil­har­mo­ni­sche Or­ches­ter Gie­ßen das Fun­da­ment der Auf­füh­rung, die an die­sem Sonn­tag, wie be­reits be­rich­tet, im Rah­men des Fest­kon­zerts zum Ju­bi­lä­um des Kon­zert­ver­eins wie­der­holt wird. Be­ginn um 19.30 Uhr (!) im Stadt­thea­ter.

In sei­nem 1868 er­schie­ne­nen „Deut­schen Re­quiem“ nach den Wor­ten der Hei­li­gen Schrift stell­te Brahms nicht die Schreck­nis­se des Jüngs­ten Ge­richts, son­dern den Ge­dan­ken der Trös­tung in den Mit­tel­punkt. Ne­ben Bil­dern von un­heim­li­cher Tra­gik und Dra­ma­tik fin­den sich auch sol­che des Ju­belns und der Zu­ver­sicht. Und die Po­sau­ne bläst bei Brahms nicht zum Jüngs­ten Ge­richt, son­dern gibt das Sig­nal der Auf­er­ste­hung. „Es ist ein ganz ge­wal­ti­ges Stück, er­greift den gan­zen Men­schen in ei­ner Wei­se wie we­nig an­de­res. Der tie­fe Ernst, ver­eint mit al­lem Zau­ber der Poe­sie, wirkt wun­der­bar, er­schüt­ternd und be­sänf­ti­gend“, stell­te Cla­ra Schu­mann tref­fend fest.

Die freie Aus­wahl deut­scher Bi­bel­tex­te macht deut­lich, wie we­nig der Kom­po­nist, der sich selbst in der Rol­le des „bi­bel­fes­ten Ket­zers“ ge­fiel, da­ran in­te­res­siert war, ei­ne li­tur­gi­sche To­ten­mes­se zu schrei­ben: Ihm wa­ren die Wor­te poe­ti­sches Gleich­nis für ir­di­sches, mensch­li­ches Sein. So kam auch in der ge­fühls­be­ton­ten und von lied­haf­ter In­nig­keit ge­tra­ge­nen Wie­der­ga­be im Stadt­thea­ter der tie­fe Ernst des Wer­kes al­lent­hal­ben zum Vor­schein. Um­sich­tig, prä­zi­se und zu­pa­ckend agie­rend, hat­te Hoff­mann Chor und Or­ches­ter in je­dem Au­gen­blick fest im Griff.

Das Phil­har­mo­ni­sche Or­ches­ter traf die zum Teil un­heim­li­che At­mo­sphä­re und das dun­kel-ele­gi­sche Klang­bild sehr ge­nau, das, wie so oft bei Brahms, auf dem sat­ten, war­men Strei­cherk­lang der Mit­tel­la­ge be­ruht.

Im Mit­tel­punkt stand je­doch der Chor, der sich stimm­ge­wal­tig und aus­druckss­tark in Sze­ne setz­te. Wie schon so oft in der Ver­gan­gen­heit muss man auch dies­mal vol­ler An­er­ken­nung sa­gen, dass wie­der­um groß­ar­ti­ge Cho­rar­beit ge­leis­tet wor­den ist. Ob im Ein­gangs­chor „Se­lig sind, die da Leid tra­gen“, dem ge­wal­tig po­chen­den „Denn al­les Fleisch, es ist wie Gras“, dem hoff­nungs­fro­hen „Wie lie­blich sind dei­ne Woh­nun­gen“ oder dem ab­schlie­ßen­den „Se­lig sind die To­ten“ – al­les wirk­te wie aus ei­nem Guss. Und ge­ra­de bei den schwie­ri­gen, po­ly­phon ge­ar­beit­eten Stel­len zeig­te sich, wie sinn­fäl­lig ei­ne Phra­se aus der an­de­ren her­vor­ging. Nu­an­cier­te Aus­dru­cksfä­hig­keit, kla­re In­ton­ati­on und raum­fül­len­der Klang spre­chen für die Qua­li­tät des Cho­res.

Über­ra­gend die bei­den Ge­sangs­so­lis­ten: Ba­ri­ton Kay Stie­fer­mann, der schon mit Star­di­ri­gen­ten wie Da­ni­el Bar­en­bo­im und Ki­rill Pe­tren­ko zu­sam­men­ge­ar­bei­tet hat, ließ im So­lo „Herr, leh­re mich doch, dass es ein En­de ha­ben muss“ die Be­klom­men­heit und Hil­flo­sig­keit des Men­schen an­ge­sichts des To­des in präg­nan­ter, ein­dring­li­cher Wei­se deut­lich wer­den. Von sei­nem dra­ma­tisch ge­würz­ten Vor­trag ging ei­ne enor­me In­ten­si­tät aus. Und die So­pra­nis­tin Do­ro­thea Ma­ria Marx, die man in Gie­ßen be­reits als see­len­vol­le Vio­let­ta in „La Tra­via­ta“ er­le­ben durf­te, sang „Ihr habt nun Trau­rig­keit“ mit fast schwe­ben­der Hö­he und emo­tio­na­ler Hin­ga­be.

 

Thomas Schmitz-Albohn, 16.11.2017, Gießener Allgemeine Zeitung

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