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Un­ter der Son­ne Si­zi­liens - Gießener Anzeiger
15.02.2018

Bel­can­to-Spe­zi­a­list Er­al­do Sal­mie­ri di­ri­giert be­zie­hungs­rei­ches Pro­gramm mit Bel­li­ni, Ver­di, Wag­ner und Ro­ta

Ein Bel­can­to-Spe­zi­a­list kommt nach Gie­ßen und di­ri­giert Bel­li­ni, Ver­di – und Wag­ner. Er­al­do Sal­mie­ri, der am Stadt­thea­ter schon et­li­che um­ju­bel­te Auf­füh­run­gen ita­lie­ni­scher Opern lei­te­te, bot dem Pu­bli­kum im Sin­fo­nie­kon­zert am Diens­tag­abend dies­mal ein Pro­gramm mit vie­ler­lei Be­zü­gen. Ei­ner da­von war durch Ri­chard Wag­ners To­des­tag am 13. Fe­bru­ar 1883 ge­ge­ben. Die Aus­wahl der Mu­sik­stü­cke ließ an dem recht knap­pen Kon­zert­abend (mit Pau­se kei­ne zwei Stun­den) je­doch nicht al­le Her­zen hö­her­schla­gen. So war der Ap­plaus für das Phil­har­mo­ni­sche Or­ches­ter Gie­ßen und den Gast am Di­ri­gen­ten­pult eher höf­lich als über­schäu­mend.

Ri­chard Wag­ners Ver­hält­nis zur ita­lie­ni­schen Oper und zum Bel­can­to darf als zwie­späl­tig be­zeich­net wer­den: Ei­ner­seits wett­er­te er ge­gen die ita­lie­ni­sche Stimm­schu­lung, an­de­rer­seits be­wun­der­te er den Me­lo­di­en­reich­tum der Ita­lie­ner und den Wohl­laut ih­res Ge­sangs. Über Vin­cen­zo Bel­li­ni be­merk­te er ein­mal, er ha­be sol­che Me­lo­di­en ge­schrie­ben, „wie sie schö­ner nicht ge­träumt wer­den kön­nen“.

Ge­ra­de­zu schmis­sig und be­rüh­rend be­gann der Abend mit Bel­li­nis Ou­ver­tü­re zu „Nor­ma“. Mit weit aus­ho­len­den Arm­be­we­gun­gen kos­te­ten Sal­mie­ri und das Or­ches­ter die schwel­ge­ri­sche Mu­sik ge­nie­ße­risch aus, die ein Höch­stmaß an Klang­sinn­lich­keit er­reicht und zu­wei­len von rausch­haf­ter Wir­kung ist. Kein Wun­der, dass sich Wag­ner da­von in­spi­rie­ren ließ. In ei­ner span­nungs­ge­la­de­nen Wie­der­ga­be ze­le­brier­te Sal­mie­ri den Bel­can­to oh­ne Ge­sang und öff­ne­te mit un­trüg­li­chem Ge­spür für die Wir­kung der Mu­sik die Oh­ren für das strö­men­de Me­los mit den weit­schwin­gen­den Me­lo­die­bö­gen.

Ein Meis­ter­stück voll Zärt­lich­keit, Stär­ke und Un­ge­stüm ist Giu­sep­pe Ver­dis Ou­ver­tü­re zu „I ve­spri si­ci­lia­ni“ (Die si­zi­lia­ni­sche Ve­sper). Auch hier führ­te der Gast am Di­ri­gen­ten­pult das Or­ches­ter wie­der zu ei­ner sehr ge­fühl­vol­len, be­we­gen­den Dar­bie­tung – von den un­heil­vol­len Trom­mel­schlä­gen zu Be­ginn bis zu dem lied­haft-in­ni­gen, von den Cel­li vor­ge­tra­ge­nen Haupt­the­ma. Un­ter­schwel­lig kün­dig­te sich bei all­edem die Dra­ma­tik des Ge­sche­hens mit ty­pisch Ver­di'scher Wucht an.

Si­zi­lien ist auch der Schau­platz von Wag­ners Früh­werk „Das Lie­bes­ver­bot“, ei­ner ko­mi­schen Oper nach Sha­ke­spea­res Ko­mö­die „Maß für Maß“. Die Ou­ver­tü­re da­zu pass­te so recht zum Fast­nachts­diens­tag, denn es geht da­rum, dass Fried­rich, der Statt­hal­ter in Si­zi­lien, im Kar­ne­val je­de Lust­bar­keit und auch je­de An­nä­her­ung der Ge­schlech­ter ver­bo­ten hat. Die Mu­sik da­zu holt die Son­ne Si­zi­liens in den Kon­zert­saal. Wer hät­te ge­dacht, dass das von Wag­ner ist? Mit Tam­bu­rin, Kas­tag­net­ten, Ce­les­ta und al­ler­lei Schlag­werk ließ das feu­rig spie­len­de Or­ches­ter süd­län­di­sche Sinn­lich­keit und Sin­nen­freu­de auf­blit­zen, mit de­nen der jun­ge Kom­po­nist deut­sche Bie­der­keit und Sit­ten­stren­ge in sei­ner Hei­mat kon­fron­tier­te.

Dann der „Par­si­fal“ in sin­fo­ni­schen Aus­schnit­ten. Her­mann Le­vi, der be­rühmt­e aus Gie­ßen stam­men­de Di­ri­gent, lei­te­te die Urauf­füh­rung 1882 im Bay­reut­her Fest­spiel­haus. Sei­ne Büs­te steht nur we­ni­ge Schrit­te vom Thea­ter ent­fernt im Thea­ter­park – ein wei­te­rer Be­zug zum Pro­gramm die­ses Sin­fo­nie­kon­zerts. Fein­ner­vig und mit klu­ger Klang­dra­ma­tur­gie führ­te der Bel­can­to-Spe­zi­a­list durch Wag­ners Al­ters­werk, in dem der Quell der mu­si­ka­li­schen In­spi­ra­ti­on zwar nicht mehr so stark strömt wie in frü­he­ren Wer­ken, da­für aber mit ver­hält­nis­mä­ßig we­ni­gen Mit­teln ei­ne star­ke und tie­fe Wir­kung er­reicht wird. Al­les strebt nach Ein­fach­heit und Klar­heit. Das lös­te auch die Wie­der­ga­be durch das Phil­har­mo­ni­sche Or­ches­ter mit ih­rem fei­er­li­chen, wei­he­vol­len Ton sehr schön ein.

Er­in­ne­rung an Le­vi


Die Mu­sik zum 1963 ent­stand­enen Film­klas­si­ker „Il Gat­to­par­do“ (Der Leo­pard) von Lu­chi­no Vi­scon­ti run­de­te den deutsch-ita­lie­ni­schen Abend klang­mäch­tig ab. Für sein opu­len­tes, in ver­schwen­de­ri­schen Bil­dern schwel­gen­des Werk hat der Re­gis­seur sei­nen Lands­mann Ni­no Ro­ta ge­win­nen kön­nen. Un­ter Sal­mie­ris elan­vol­lem Di­ri­gat mach­ten die Zu­hö­rer Be­kannt­schaft mit ei­ner far­ben­rei­chen, stim­mungs­vol­len, zün­den­den und bril­lant in­stru­men­tier­ten Mu­sik, die voll von ge­lun­ge­nen An­spie­lun­gen auf gro­ße Kom­po­nis­ten der Mu­sik­ge­schich­te ist und doch im­mer un­ver­wech­sel­bar Ni­no Ro­ta. Nach dem mit den ganz gro­ßen Ge­füh­len durch­tränk­ten Stück tra­ten die Be­su­cher er­nüch­tert hin­aus in den kal­ten Fe­bru­ar­abend, an dem sich be­reits der Ascher­mitt­woch an­kün­dig­te.

 

Thomas Schmitz-Albohn, 15.02.2018, Gießener Anzeiger

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