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Klavier auf schwärmerischen Pfaden - Gießener Anzeiger
31.08.2017

Pia­nist Wil­li­am Youn glänzt als So­list bei Mo­zart und als fein­füh­li­ger In­ter­pret ro­man­ti­scher Zu­ga­ben

Mit sei­nem be­seel­ten, hin­ge­bungs­vol­len Spiel hat der ko­rea­ni­sche Pia­nist Wil­li­am Youn das er­ste Sin­fo­nie­kon­zert der Sai­son zeit­wei­se in ei­nen in­ti­men, ro­man­ti­schen Kla­vier­abend ver­wan­delt und die Her­zen der Zu­hö­rer auf­ge­hen las­sen. Äu­ßer­lich eher be­schei­den, zu­rück­hal­tend und still nutz­te er im voll­be­setz­ten Stadt­thea­ter am Diens­tag­abend sei­ne Zu­ga­be nach dem viel be­klatsch­ten Mo­zart­kon­zert zu ei­nem Aus­flug in die Ro­man­tik und be­gab sich mit Liszt-Be­ar­bei­tun­gen des Ständ­chens von Franz Schub­ert („Lei­se fle­hen mei­ne Lie­der“) und der „Wid­mung“ von Ro­bert Schu­mann auf schwär­me­ri­sche Pfa­de. Youn schöpf­te den Fa­cet­ten- und Klang­reich­tum der von Lei­den­schaft durch­pul­sten Stü­cke mit in­ter­pre­ta­to­ri­scher Meis­ter­schaft aus – und hat­te das Pu­bli­kum vom er­sten Ton an fest im Griff. Ein wun­der­schö­ner Ab­ste­cher!

Oh­ne Über­gang

Doch der Rei­he nach: Un­ter der Lei­tung von Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor Mi­cha­el Hofs­tet­ter prä­sen­tier­te sich nicht nur Youn, son­dern auch das Phil­har­mo­ni­sche Or­ches­ter Gie­ßen an die­sem Abend in be­ster Form. Man spür­te al­lent­hal­ben den fri­schen Elan nach der Som­mer­pau­se. In Wer­ken von Wolf­gang Ama­de­us Mo­zart, Lud­wig van Be­et­ho­ven und dem in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ten, in Gie­ßen leh­ren­den Kom­po­nis­ten Hei­ner Go­eb­bels galt es, 200 Jah­re zu über­brü­cken. Doch dies ge­schah er­staun­li­cher­wei­se na­he­zu bruch­los, denn Hofs­tet­ter hat­te zwei kur­ze Stü­cke von Go­eb­bels so ge­schickt ins Pro­gramm in­te­griert, dass sie wie mo­der­ne Vor­spie­le zu Mo­zart und Be­et­ho­ven er­schie­nen und oh­ne Über­gang zu die­sen ge­wich­ti­gen Wer­ken führ­ten.

In sei­nem Zy­klus „Sur­ro­ga­te Ci­ties“, zu dem er sich Go­eb­bels von Paul Aus­ters Ro­man „Im Land der letz­ten Din­ge“ in­spi­rie­ren ließ, un­ter­nimmt der Kom­po­nist den Ver­such, Ge­schich­ten über Städ­te zu er­zäh­len. Flir­ren­de Strei­cher und har­te Ak­kor­de wie in Fil­men von Hitch­cock, schrof­fe und dann wie­der zar­te Klän­ge, aus­dru­cksvol­le, lang­ge­zo­ge­ne Tö­ne ei­ner Frau­en­stim­me vom Band (Ma­rie Seid­ler) – all dies er­zeug­te ei­ne rast- und ru­he­lo­se Be­trieb­sam­keit. Da­zu sprach der Schau­spie­ler Ro­man Kurtz Sät­ze aus Aus­ters Ro­man wie „Ge­stern ging man über ei­ne Stra­ße, die heu­te nicht mehr exis­tiert“ oder „Die Stadt macht ei­nen le­bens­hung­rig und zu­gleich ver­sucht sie ei­nen um­zu­brin­gen.“

Da­mit war zu­nächst das Feld für Mo­zart be­rei­tet. Sein letz­tes Kla­vier­kon­zert B-Dur KV 595 ist ei­ne Kom­po­si­ti­on der vol­len Rei­fe, form­vol­len­det und von ly­ri­scher In­nig­keit durch­tränkt. Aber sein Cha­rak­ter ist eher in­tro­ver­tiert und an­stel­le ei­nes of­fen­her­zi­gen Spiels tre­ten for­ma­le und har­mo­ni­sche Ent­wi­cklun­gen deut­li­cher in den Vor­der­grund. So ist das Kla­vier nie über­prä­sent, son­dern stets in das klang­li­che Ge­samt­ge­fü­ge ein­ge­bet­tet. Ge­wiss ist das B-Dur-Kon­zert ein vir­tuo­ses Werk, aber kein Schaus­tück. Ge­fragt sind die lei­sen Tö­ne. Das wuss­ten auch Hofs­tet­ter und Youn, die das Pu­bli­kum an ei­nem glü­cklich zu nen­nen­den Wech­sel­spiel zwi­schen So­list und Or­ches­ter teil­ha­ben lie­ßen.

Vom All­eg­ro des er­sten Sat­zes mit sei­nem wei­chen, ge­sang­li­chen The­ma über das träu­me­risch-ver­klär­te Larg­het­to des zwei­ten Sat­zes bis zum glän­zen­den Fi­na­le bot Youn mit gro­ßer Ge­las­sen­heit und fei­ner An­schlags­kul­tur ei­ne emp­find­sa­me, in­ti­me In­ter­pre­ta­ti­on, die auf Über­ra­schun­gen und Aus­flü­ge ins Ex­tre­me gut ver­zich­ten konn­te. Der So­list de­mon­strier­te, dass er kei­ne vir­tuo­sen Mätz­chen braucht, son­dern stell­te sich ganz in den Dienst des Werks. Und Hof-stet­ter schien mit weit aus­ho­len­den Be­we­gun­gen die Klän­ge ge­ra­de­zu zu mo­du­lie­ren und führ­te al­les auf na­tür­lich er­schei­nen­de Wei­se zu­sam­men.

Vol­ler Weh­mut

Mit ei­ner span­nungs­ge­la­de­nen, dy­na­misch und rhyth­misch aus­ge­feil­ten Wie­der­ga­be von Be­et­ho­vens Sin­fo­nie Nr. 4 B-Dur op. 60 lie­ßen Hofs­tet­ter und sei­ne Mu­si­ker den Abend aus­klin­gen. Nach der lang­sa­men, geis­ter­haf­ten Ein­lei­tung im Ada­gio des er­sten Sat­zes bra­chen sich die auf­ge­stau­ten En­er­gien ih­re Bahn. Der Be­et­ho­ven­ton war vom er­sten Takt an ge­trof­fen. Da war der klop­fen­de Rhyth­mus, den der Kom­po­nist so gern ver­wen­de­te, und da war das schwär­me­ri­sche Ada­gio des zwei­ten Sat­zes vol­ler Weh­mut in sei­ner gan­zen Schön­heit. Ful­mi­nant auch das tem­po­rei­che Fi­na­le. Das Pu­bli­kum dank­te lan­ge mit kräf­ti­gem Ap­plaus.

Thomas Schmitz-Albohn, 31.08.2017, Gießener Anzeiger

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