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Gelungene Wiederentdeckung - Die deutsche Bühne
28.10.2017

Das traditionelle Herbstmanöver war in Österreich/Ungarn noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr ein gesellschaftliches als ein militärisches Ereignis. Und damit auch der perfekte Schauplatz für eine Liebesgeschichte, für den Versuch des Husaren-Leutnants von Lörenthy seine einstige Liebe, die Baronin Riza, wiederzugewinnen. Die Operette „Ein Herbstmanöver“, das Erstlingswerk des später so berühmten Emmerich Kálmán (1882 – 1953), wurde am 22. Februar 1908 in Budapest uraufgeführt, die stark veränderte deutsche Fassung am 22. Januar 1909 in Wien.

Mit seinen populären Zigeunerweisen, Militärmärschen und Liebesduetten hat sich das Werk erstaunlich schnell durchgesetzt. Es kam noch 1909 in Hamburg, Stockholm, New York und London heraus, und bis 1914 in sechs europäischen Ländern sowie in Australien. Der Erste Weltkrieg stoppte den friedlichen Siegeszug der Husaren-Operette, nun war Patriotismus gefragt. Das „Herbstmanöver“ geriet in Vergessenheit und ist über hundert Jahre in Deutschland nicht mehr aufgeführt worden. Die Gießener Inszenierung  ist also ein Neustart. Allerdings hat Kálmán mit seinen späteren Welterfolgen „Die Czardasfürstin“ und „Gräfin Mariza“ selbst dazu beigetragen, dass sein Erstling vergessen wurde.

Das Gießener Produktionsteam mit dem Regisseur Balázs Kovalik und dem Dramaturgen Matthias Kauffmann hat diesen Neustart konsequent genutzt, hat aus der Budapester und der Wiener Version eine eigene musikalisch-dramaturgische Fassung hergestellt, eine Gießener Fassung. In ihr werden über die Liebesgeschichte hinaus, die sich durch den ganzen Abend zieht, die gesellschaftlichen und menschlichen Spannungen der Zeit vor dem Krieg deutlich spürbar.

Das wird schon im Schauplatz der Handlung sichtbar, dem Festsaal des Schlosses der Baronin Riza, der von schwarzen Außenwänden wie von Eisen eingeschlossen ist, und auch im Saal selbst dominieren schwarze Wandflächen (Bühne und Kostüme: Lukas Noll). Man hat den Eindruck, in einem Bunker zu sein, um sich vor den Gefahren von draußen zu schützen. Einen Blick ins Freie gibt es nie. Im Gegenteil: Mal schneit es von draußen herein, mal weht der Wind von den Bäumen abgefallene Herbstblätter in den Saal. Die oft sehr flotte ungarisch getönte Musik und lyrische Sehnsuchts-Arien hellen die Stimmung aber immer wieder auf.

Der Grundton ist Melancholie und Trauer, aber auch Witz und Sarkasmus. Dass eine Katastrophe naht, der Erste Weltkrieg, ist deutlich zu spüren, natürlich auch, weil wir Zuschauer das wissen. Die Soldaten, die zum Manöver gekommen sind, tragen am Anfang weiße Galauniformen, später, als das Manöver läuft, erinnern sie an amerikanische GIs von heute. Immer wieder stürzen Soldaten herein, die Gewehre im Anschlag, verschwinden wieder, so schnell wie sie gekommen sind.

Trotz aller Stimmungs- und Stilbrüche ist die Aufführung sehr unterhaltsam. Dazu trägt vor allem das Orchester mit seinem Chefdirigenten Michael Hofstetter bei, der ausdrucksvoll singende Gaststar Christiane Boesiger als Gräfin Riza, und nicht zuletzt die auf Komik angelegten Figuren, besonders die Diener, die gerne stänkern und motzen, und der zentrale Komiker, der damals für Operetten unumgänglich war, hier der Reserve-Kadett-Feldwebel Wallerstein, gespielt vom Gießener Publikumsliebling Tomi Wendt. Seine Witze dürfen auch unter der Gürtellinie liegen, das war Operetten-Tradition. Er läuft fast den ganzen Abend in seiner Unterhose herum, darüber eine Uniform-Jacke. Wo hat er seine Hose verloren? Bei einem Freund. Und dort ist auch sein Säbel geblieben.

Die Wiederentdeckung von Kálmáns Erstlingwerk hat sich gelohnt, nicht zu letzt, weil das Theater Gießen es gewagt hat, klug und phantasievoll eigene Akzente zu setzen.

Wilhelm Roth, 28.10.2017, Die deutsche Bühne

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